Messensee studierte von 1955 bis 1960 an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Sergius Pauser. Er lebt und arbeitet in Wien und gehörte der Wiener Secession von 1973 bis 2000 an. Jürgen Messensee, 1936 in Wien geboren, zählt zu den führenden Protagonisten seiner Generation und nimmt einen fixen Platz im Kontext der Malerei und Zeichnung in Österreich ein. Stets ist die Natur sein Vorbild, vor allem die menschliche Figur, die der Künstler in eine zeichenhafte Form mit deutlicher Tendenz zur expressiven Geste auflöst. Es sind verschlüsselte Naturaneignungen, die sich als Schwimmerinnen, Katamarane, Münder manifestieren. In den letzten Jahren erweitert er Zeichnung und Malerei durch das reproduktive Verfahren des Jetprints, indem Messensee seine vorhandenen Zeichnungen stark vergrößert und auf diese Vorlagen wiederum malt. Dabei geht es ihm um Verschiebungen und Manipulationen der Wahrnehmung: was ist real und was ist Fiktion.

 

Interview Messensee – Messensee

2006, Caroline Messensee

Interview Messensee – Messensee

 

Caroline Messensee: Warum, meinst du, ist „Zoom“ der geeignete Titel für diese Ausstellung?

 

Jürgen Messensee: „Zoom“ bedeutet Heranziehen, Heranziehen von Wirklichkeit, die sich in einem Ausschnitt, einem Detail komprimiert, aber weiter das Ganze besitzt (repräsentiert), ähnlich wie in der fraktalen Geometrie. Das ist sicherlich ein entscheidender Bezug in meiner Arbeit. Indem ich ähnlich wie im Film die Wirklichkeit so sehr an den Betrachter heranziehe, vermag ich seine Aufmerksamkeit stärker zu erreichen und ihn mit der durch mich definierten Realität zu konfrontieren.

 

CM: Was verstehst du unter Heranziehen von Wirklichkeiten? Was sind Details von Wirklichkeiten?

 

JM: Vielleicht dürfte man nicht von Details sprechen, sondern müsste sagen: Indem man einen Teil des Körpers als Vorwand für ein Bild einsetzt beziehungsweise postuliert, wird der Beschauer gezwungen, sich mit diesem ihm vielleicht gar nicht besonders wichtig Erscheinenden zu konfrontieren. Damit wird er angehalten, auf die ihn umgebende Wirklichkeit einzugehen und auch in sie einzutreten, wozu er sonst infolge des üblichen Lebens, in dem sich jeder von uns befindet, nicht so leicht bereit ist. Er will sich meist nicht mit der Wirklichkeit konfrontieren. In meiner Arbeit wird sie jedoch zum alleinigen Anlass und transportiert so meine Absicht, wenngleich ich es natürlich nicht in dieser didaktischen Weise verstanden wissen will.

 

CM: Warum verwendest du als Thema fast immer den weiblichen Körper? Warum ist gerade dieser die geeignete Projektionsfläche?

 

JM: So wie ein Bildhauer mit einem Thema das Auslangen findet, um seine Erfahrungen aus diesem Leben mitzuteilen, genügt mir offenbar auch, zumindest bis jetzt, das „Vehikel“ des menschlichen Körpers, um etwas über uns selbst und unsere menschliche Befindlichkeit zu sagen. Nachdem Schönheit offenbar ein entscheidender Punkt ist, erscheint mir gerade der weibliche Körper geeignet, um meine Mitteilungen zu machen.

 

CM: Das bedeutet, dass Schönheit ein integraler Bestandteil deiner Arbeit ist?

 

JM: Ja sicher. Es ist doch so. Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Anbetung der Schönheit, wie immer sie definiert sein mag, ein unglaubliches Ausmaß erreicht hat. Nicht einmal ein Produkt wie Margarine lässt sich heute anders verkaufen. Das finde ich höchst bemerkenswert. Auf der einen Seite diese unglaubliche Negation, der wir uns täglich gegenübersehen, und auf der anderen Seite diese Anbetung, Apotheose des Jungen, natürlich auch des Sexuellen und des Erotischen, was Verdrängung der Endlichkeit bedeutet. Die Schönheit ist selbstverständlich die Metapher der „möglichen Möglichkeiten“ des Menschen.

 

CM: Bedeutet das, dass es einen zeitkritischen Aspekt in deiner Arbeit gibt?

 

JM: Das glaube ich nicht. Ich reflektiere vielmehr, was rund um mich geschieht, insofern bin ich eher ein Spiegel. Nun ist mein Interesse an Schönheit offenbar kongruent zu dem, was jetzt eine ganze Periode beschäftigt. Aber natürlich ist dies nicht der alleinige Anlass. Die Kunst hat ihre inneren, eigenen Notwendigkeiten.

 

CM: Wenn du sagst, dass du ein Spiegel bist, heißt das, dass du etwas aufzeigst, es aber nicht beurteilst?

 

JM: Ich spreche über die Existenz des Menschen. Wenngleich die Zeit reflektiert wird, bin ich überzeugt davon, dass man sich ihr gar nicht zu entziehen vermag. Die daraus resultierende Arbeit muss in eine Zeitlosigkeit übergehen, nur dann hat sie als künstlerische Produktion überhaupt Relevanz und Bestand.

 

CM: Zum Teil wirkt es widersprüchlich, dass deine Arbeit unserer Zeit sehr verbunden ist, obwohl du kein zeitkritischer Künstler bist. Sie steht nicht außerhalb unserer Zeit, der Aktualität, sondern sie geht Hand in Hand mit deren Entwicklungen.

 

JM: Das versuche ich nicht, es geschieht einfach … Man muss in seiner Zeit sein und man ist auch nur in dieser Zeit. Ich bin kein Chronist, es ist vielmehr so, dass ich darüber nachdenke: Was ist die Position, die Stellung des Menschen in diesem auf so unerklärliche und chaotische Weise vollkommen geordnet erscheinenden Universum.

 

CM: Könnte es dann nicht auch sein, dass gerade deshalb, weil du so sehr in dieser Zeit bist, Menschen aus meiner Generation, also rund 30 bis 35 Jahre jünger, sich so stark von deiner Arbeit angesprochen fühlen und du daher viele junge Sammler hast?

 

JM: Darüber kann ich nur spekulieren. Es scheint so zu sein, dass sie etwas wiedererkennen, was sie selbst erfahren und fühlen und was einen Ausdruck in meinen Arbeiten findet, die ich in derselben Zeit gemacht habe. Das heißt, wir sind zwar unterschiedlich alt, leben aber in derselben Zeit.

 

CM: Das könnte aber auch jemand empfinden, der viel älter ist …

 

JM: Ja, das hoffe ich sehr.

 

CM: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Leute, die dich nicht persönlich kennen und deine Arbeiten sehen, immer meinen, dass sie von einem viel jüngeren Künstler stammen. Und dadurch haben diese Leute letztendlich einen ganz spezifischen Bezug dazu.

 

JM: Auch wenn es etwas pathetisch klingt, vielleicht ist in meiner Arbeit eine bestimmte Wahrheit enthalten, die sie berührt.

 

CM: Die eher die Jüngeren berührt?

 

JM: Es ist ja gewöhnlich so, dass die Künstler sehr wohl im Einklang mit ihrer Zeit sind und nur das allgemeine Publikum immer hinterherhinkt. Und insofern könnte es sein, dass die von dir angesprochene Altersgruppe ihre Zeit wiederfindet und sogar das Gefühl ihrer Zeit dargestellt findet.

 

CM: Kann das auch an dem Umstand liegen, dass die von dir verwendeten Materialien aus dieser Zeit sind und daher die jungen Rezipienten besonders ansprechen?

 

JM: Das hoffe ich keinesfalls. Denn Materialien, die entstehen, die vorhanden sind, die können verwendet werden. Farbe gibt es jetzt schon so lange, wie wir überhaupt etwas haben, was wir als Malerei oder als Kunst bezeichnen. Das Materialangebot hat sich vergrößert, also verwendet man es auch. Man reagiert auf das, was rund um einen geschieht. Aber die Kreation entsteht noch immer im Inneren, im Geist.

 

CM: In dieser Ausstellung zeigst du zum ersten Mal ein Video, also eine Arbeit, die unter die Kategorie Medienkunst fällt und damit in die Lebenswelt einer bestimmten Generation. Woher kommt dieses Interesse?

 

JM: Diese neuen Medien sind für mich nicht anders zu verstehen und zu verwenden als alles andere, was die Kunst vorher verwendet hat. Wir haben halt einen etwas anders definierten Hammer. Aber im Grunde geht es nur darum, ob Kreation durch ein adäquates Medium ausgedrückt werden kann. Die uns nun vorliegenden Medien benütze ich, weil sie mir eine zusätzliche, umfängliche Information erlauben.

 

CM: Was macht Malerei notwendig?

 

JM: Welchen Mediums sich die Kunst auch bedient, ob das Musik, Sprache, Malerei oder Skulptur ist, ist eigentlich nicht von entscheidender Bedeutung. Entscheidend ist, dass Kunst eine phantastische Möglichkeit des menschlichen Geistes ist, Erkenntnis zu erlangen. Dass sie nicht für jedermann zugänglich ist, ist klar. Es handelt sich aber um eine Erkenntnismethode, die deshalb so speziell ist, weil sie außerhalb des Üblichen, Kausalen agiert. Sie vermag mitzuteilen, was anderen Disziplinen verwehrt bleibt, wie zum Beispiel Sensualität. Sie kreiert zusätzlich eine neue Realität.

 

CM: Warum ist für dich gerade die Malerei das geeignete Medium?

 

JM: Für mich ist sie deshalb das geeignetste Medium, weil offenbar die „Konstruktion“, die mich ausmacht, sprich mein Kopf, mein Gehirn, meine Intelligenz, am besten über dieses Medium funktioniert. Ich bin dafür eingerichtet. Das ist kein Verdienst, das ist ein Faktum. Das Einzige, was ich dazu geleistet habe, ist die totale Hinwendung. Die einzige Antwort auf deine Frage ist meine Arbeit selbst.

 

CM: Wenn man die bildende Kunst analog zur Musik sieht, hat man doch den Eindruck, dass die Malerei vermehrt die verbale Interpretation benötigt. Es scheint, als würde die Musik unmittelbarer auf eine emotionale Ebene treffen und dadurch bei den meisten Menschen unmittelbarere Zustände hervorrufen. Ist das deiner Meinung nach der Grund, warum es dieser unendlichen verbalen Interpretation bedarf, die sehr selten etwas über die Malerei aussagt, sondern sich mit Hilfsmitteln zufrieden gibt, die meist ikonographischer Natur sind?

 

JM: Die Problematik ist folgende: Das, was ich das Eigentliche nenne …, das, was wirklich Kunst ist, ist letztlich nicht zu verbalisieren. Wenn man vor ein großes Werk tritt, muss man offenbar den richtigen Empfänger besitzen, um das Signal, das von diesem Kunstwerk ausgeht, empfangen zu können. Vielleicht sind daher die Kilometer an Interpretationen für die Allgemeinheit hilfreich, möglicherweise verwirren sie aber auch nur. Das Eigentliche wird erfahren oder auch nicht. Sonst würde es Bach nicht brauchen, und es würde genügen, über ihn zu schreiben. Dann wird Bach durch das Wort und seine Erklärer. Aber ab diesem Moment sind sie keine Erklärer mehr, sondern sie werden zu etwas anderem, sie haben die Seite gewechselt.

 

CM: Damit sprichst du vom ewigen Geheimnis der Kreation?

 

JM: Ganz genau, das Eigentliche ist die Schöpfung. Andere Disziplinen kennen selbstverständlich auch Schöpfung, aber nicht in der Form wie die Kunst. Die Kunst bringt etwas hervor, was nie existiert hat. Sie beschreibt nicht nur eine Wirklichkeit, sondern sie erzeugt auch eine neue. Das ist ein ganz gravierender und kapitaler Unterschied.

 

CM: Wie weit ist es dem Beschauer möglich, in deine parallele Welt einzudringen und diese erste oberflächliche Wahrnehmung des auf der Leinwand oder dem Papier abgebildeten Zeichens, das er erkennet, weil er konditioniert ist, zu überwinden? Oder um die Frage abzukürzen, warum hängt man sich überhaupt Kunst an die Wand?

 

JM: Wieso verlange ich eigentlich, dass jemand mit mir auf die Reise zu mir selbst geht? Jeder Kreator ist ja nur auf der Reise zu sich selbst. Je weiter er auf sich zukommen kann – so dass er vielleicht in manchen Fällen in sich selbst hineinfällt, dass er zum Punkt null seiner selbst wird –, desto eher geschieht etwas Bemerkenswertes … Dann entsteht aus etwas höchst Individualisiertem etwas Kollektives, das alle betrifft. Der Künstler ist der Stellvertreter. Die Kunst verweist auf eine größere Realität. Das ist eine der unglaublichen Möglichkeiten des menschlichen Geistes.

 

CM: Allein in der bildenden Kunst ist es möglich, sich das „Resultat“ dieser Überlegungen an die Wand zu hängen, und dadurch entsteht dann auch das Missverständnis „Dekoration“. Andererseits kann es doch nicht falsch sein, sich an etwas zu erfreuen, das man den ganzen Tag sieht? Aber muss es nicht doch darüber hinausgehen?

 

JM: Wenn sich ein Künstler ein Werk aufhängt, dann nur, wenn es dem Anspruch genügt, den er an sich selbst stellt und in seinem Werk oder dem eines anderen erfüllt findet. Das ist dann etwas, wodurch man in seiner Überlegung bestätigt wird. Man kennt ja Sammlungen sehr bedeutender Künstler, die das bestätigen. Ich komme auf deine Frage zurück, ob die Bildkunst in einer schwierigeren Position in Bezug auf Rezeption ist als Musik. Ja, wahrscheinlich. Du hast das in deiner Frage zuvor schon sehr genau beantwortet. Musik wirkt, denke ich, selbst auf sogenannte „Unmusikalische“ unmittelbar. In der Bildkunst ist dies sehr viel schwieriger, weil sie still ist. Man kann eine Arbeit ansehen, muss sie aber nicht sehr lange betrachten …

 

CM: Man kann die Augen schließen, aber die Ohren nicht …?

 

JM: Ein Bild kann ich ein paar Sekunden ansehen, mein Interesse wird aber vielleicht nicht erregt, weil mich Malerei grundsätzlich nicht erregt beziehungsweise ich nicht fähig bin, Informationen durch Malerei zu erhalten.

 

CM: Das funktioniert mit Musik, die wir mit unserer Befindlichkeit in Einklang bringen. Wie ist das aber mit neuer ernster Musik? Da ist das weniger evident, da sie weniger unmittelbar zugänglich ist, ähnlich wie die Bildkunst.

 

JM: Die Frage ist ja die: Sind die ästhetischen Vorstellungen alle nur durch die Allgemeinheit programmiert? Warum gehen alle ins Konzert und repetieren unendlich das Repertoire des 19. Jahrhunderts? Wieso konfrontieren sie sich nur ungern mit etwas, was in ihrer Zeit geschrieben ist? Was ihre Wirklichkeit repräsentiert? Die einzige Erklärung dafür ist, dass sie diese Wirklichkeit gar nicht wahrhaben wollen. Wohin sich die Sprache der Kunst im 21. Jahrhundert entwickeln wird, das ist im Moment nicht abzusehen. Die alten Zeiten waren immer die besseren, auch wenn man sie selber nicht gekannt hat.

 

CM: Nochmals zurück zur Frage der Kunst in unserer unmittelbaren Umgebung. Wenn man davon ausgeht, dass ein Werk das Resultat einer Recherche ist, würde dies bedeuten, dass man sich die „Erhebung des Geistes“ aufhängt?

 

JM: Das ist sehr unterschiedlich und bedingt durch den Zugang des Individuums zu einem bestimmten Medium. Niemand hat die gleiche Geschichte, also ist auch die Rezeption der Wirklichkeit völlig unterschiedlich.

 

CM: Ich vergleiche es damit, sich eine mathematische Formel aufzuhängen, die etwas vollkommen Neues definiert und einen permanent mit dieser Entdeckung konfrontiert beziehungsweise wie eine Hilfe ist, die einen zu weiteren Entdeckungen führen wird.

 

JM: Ja, das würde ich für die Kunst so sehen. Das Voranschreiten, die Hoffnung noch genauer zu erkennen und zu definieren ist das essentiell Notwendige. Aber die Problematik, die sich wie ein roter Faden durch unser Gespräch zieht, ist: Warum ist das alles so schwer verständlich? Deshalb auch all die Interpreten, die die Assoziationen vermitteln, die ihrem Weltbild entsprechen. Aber letztlich ist es sehr fraglich, ob hier etwas mitgeteilt werden kann, denn selbst bei den besten Köpfen sind es nur Annäherungsversuche … Nur das eigene Erlebnis zählt wirklich.

 

CM: Kann es irgendwann die absolute Kunst geben?

 

JM: Nein. Die absolute Kunst ist das, was die Indianer den „großen Geist“ nennen.

 

CM: Was ist der Sinn einer großen Ausstellung? Man hängt all diese Resultate an die Wand und bietet den Menschen eine Reise an.

 

JM: Es ist wunderbar, wenn sie überhaupt in dein Boot steigen wollen, um mit dir auf dem Fluss zu fahren. Der Fluss gehört dir und das Boot gehört dir. Die Malerei ist dein Boot und der Fluss ist dein Leben in diesem Universum. Irgendwann fährst du los, und mit einer eigenartigen Gewissheit, die fast absurd ist, weißt du, dass es dich wo hinführt. Du bist selbst total überrascht, wohin es dich geführt hat. Du weißt aber, dass dieses „wohin“ dir gehört.

 

CM: Du hast also gar keine andere Wahl, als eines Tages dein Boot in diesen Fluss zu setzen und einzusteigen? Du wirst gerufen?

 

JM: Ja, gerufen ist gut. Das gefällt mir. Da hat man keine Wahl, es geschieht, es ist offenbar die Aufgabe, die du zu erfüllen hast.

 

CM: Bist du der Meinung, dass du deinen Auftrag erfüllst?

 

JM: In gewisser Weise – unvollkommen, wie ich als Mensch bin – glaube ich, dass ich es gut gemacht habe. Insofern bin ich überrascht von mir selbst.

 

CM: Könntest du kurz beschreiben, woraus die Videoarbeit besteht?

 

JM: Eine von mir definierte Figur in einem Kontinuum. Die ursprüngliche Absicht war, sie einfach zu bewegen. Jetzt stellt sich die Frage, warum ich sie bewegen will. Offenbar war die Bewegung von großer Bedeutung für mich, um zu verstehen, dass diese von mir kreierte Formenwelt in sich vollkommen logisch ist. Wenn ich sie in Bewegung bringe, muss es funktionieren, und es muss sich zeigen, dass sie in sich schlüssig ist. Das ist ein Aspekt, aber ich weiß, dass diese Arbeit eine viel größere Information besitzt.

 

CM: In der Ausstellung gibt es eine große Zahl von Werken, die ein Überschreiten der Dimensionen beziehungsweise eine zusätzliche Dimension zeigen …

 

JM: Ich bin wie alle Menschen in dieser Realität limitiert. Es stehen mir zwei oder drei Dimensionen zur Verfügung. Als ich auf meiner Suche nach Erweiterung scheinbar zufällig – für mich ist der gesteuerte Zufall von außerordentlichem Wert – zwei Schnitte in eine Zeichnung machte, das Papier in einem ganz leichten Winkel hinausdrückte, war plötzlich die Mitteilung über Realität eine ganz andere. Es war eine enorme Findung und ich bin dann diesen Weg konsequent weitergegangen, aber nicht so spekulativ, wie es sich anhört oder wie man in den Wissenschaften vorgeht. Dem geht eine Seinsbefindlichkeit voraus, die es einem überhaupt erlaubt, solche Dinge zu tun. Es muss eine wahre Notwendigkeit entstehen. Es ist, würde ich sagen, eine Metalogik, sicherlich nicht die Logik, die wir normalerweise verwenden. Auf einmal entstand ein Loch in der Wirklichkeit. In dieser zweiten, gekippten Wirklichkeit gibt es eine weitere Information über die davor befindliche. Die Frage „Was ist wirklich wirklich?“ konnte damit einen Ausdruck finden.

 

CM: Warum arbeitest du nicht an Plastik, wenn es dir in deiner Arbeit um Dimensionen geht?

 

JM: Nachdem meine malerische Arbeit zuerst von Form bestimmt wird, sind die Plastik und mein großes Interesse an ihr die logische Folge. Aber sie repräsentiert die Welt der drei Dimensionen. Das entspricht nicht mehr unserem Wissen. In gewisser Weise bin ich „gezwungen“, dieses Wissen in meine Arbeit zu integrieren und eine Lösung zu erreichen. Wunderbar wäre es, die plastischen Formen in die Luft zu schleudern, und sie ordnen sich selbst. Das Video gibt mir eine virtuelle Möglichkeit, die Beschränkungen des Dreidimensionensystems zu überwinden.

 

CM: Ist das Video der nächste Schritt nach dem Aufklappen und Einschneiden?

 

JM: Es ist alles miteinander verbunden. In dem Video sieht man ja auch, wie die von mir entwickelten Formeln für die Beschreibung des menschlichen Körpers und seiner Situation in scheinbar chaotische Zustände übergehen. .Nach dieser Phase des sinnvollen Chaos kehren die sich permanent bewegenden Formen  in ihre Ausgangsposition zurück .

 

CM: Wirst du weitere Videos machen, nachdem du viel in Serien arbeitest?

 

JM: Meine Arbeit ist eine unendliche Versuchsreihe, die immer weitergeht.

 

CM: In „Zoom“ zeigst du eine Installation, die den sehr poetischen Titel „Piscina di Venere“ trägt und von Karlheinz Essl vertont wird. Kannst du etwas zum Ursprung dieser Arbeit sagen?

 

JM: Piscina di Venere ist der Name einer kleinen Bucht an der sardischen Küste. Sie ist nur vom Meer aus zu erreichen. Die Bucht heißt so, wie sie ist, seit dem Ursprung der Welt …

Sehr wichtig ist die Interaktion von Musik und Bildkunst, also von Karlheinz Essl und Messensee, sowohl in „Piscina di Venere“ als auch in der Videoarbeit „Portrait E.“. Diese Polyphonie, diese doppelte, mehrfache Verschränkung freut mich sehr.

 

CM: Was würdest du jemandem, der heute 20 Jahre alt ist und sich für die Malerei entschlossen hat, sagen?

 

JM: Man entschließt sich ja nicht, man wird entschlossen!

 

 

Caroline Messensee lebt und arbeitet seit über 10 Jahren als Kunsthistorikerin und freie Kuratorin in Paris. Neben Ausstellungen wie „Die nackte Warheit“und „Klimt – papiers érotiques“ im Musée Maillol, Paris, „Miró, später Rebell“ im Kunstforum, Wien, „Léger – L’esprit moderne“ im Museum der Moderne in Salzburg, „Jean Dubuffet“ im Guggenheim Museum, Bilbao arbeitet Messensee an Kulturprojekten für Firmen und interveniert als Konsulent für private Sammler.